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Schritte ins ‚Erwachsene Menschsein‘ – Ulrike Porep

Die Arbeit mit dem Inneren Kind

Interview mit Ulrike Porep

Wie bist du zu dieser Arbeit gekommen? War das eine Entwicklung?

Ulrike: Das Thema ‚Inneres Kind‘ begleitet mich seit meiner Zeit als Psychotherapeutin. Als ich die Innere Arbeit begann, trat der Begriff ‚Inneres Kind‘ stärker in den Hintergrund. Es ging ja um den denkenden Geist und nicht um das verletzte Kind. Es ging auch nicht mehr um die therapeutische Arbeit mit dem Kind, sondern um ein viel umfassenderes Verständnis der Denkwelt des Menschen. Ich habe dann begonnen, die drei Grundenergien, wie sie im Enneagramm gespiegelt werden, (Zorn, Angst und unerfüllte Liebe) als Aspekte kindlicher Realität zu verstehen und dann auch erfahrbar zu machen. Ich begann dann, diese kindlichen Strukturen in den ‚Kinderwelten‘ zu vermitteln. Also das Wissen des Enneagramms gab dem inneren Kind plötzlich ein neues Gesicht. Es ging nicht mehr in erster Linie um die verletzen Kinder und ihre Heilung, sondern um das Erforschen dieser Abwehrmechanismen, die wir bereits als Kinder gegen bestimmte (unangenehme) Gefühle gebildet haben.

Das Interesse an diesen Gruppen war wirklich sehr stark, die Menschen konnten sich plötzlich sehen in ihrer kindlichen Haltung. Dazu dienten auch die Kuscheltiere, die dann geholfen haben, dass die Menschen ganz bewusst in regressive Zustände gegangen sind, indem sie vielleicht wie wütende Kinder durch den Raum liefen oder wie ängstliche Kinder, um nochmal zu erfahren, was es bedeutet, sich zu fühlen wie ein Kind, und was das für eine Welt ist, in der sie sich dann bewegen.

Dann tauchte der Begriff ‚Erwachsenes Menschsein‘ auf und weiß ich noch genau, in welchem Zusammenhang das war, nämlich in einem Vortrag von OM in Zürich, wo er über das ‚Erwachen‘ sprach. Dann habe ich das noch einmal nachgelesen in seinem kleinen Büchlein „Erwachen – Der Weg in die Wirklichkeit“ (erschienen 2016 bei advaitaMedia), und da war nur so ein Satz: das erwachsene Menschsein als Stufe zum Erwachen. Da dachte ich, das ist ja offensichtlich eine Schnittstelle zwischen Psychotherapie und Spiritualität, dem Erwachens-Weg. Und das interessierte mich.  Und ich habe mich dann gefragt, wie kann das innere Kind, diese Kindlichkeit, überhaupt in einen erwachsenen Zustand einmünden, wie geht das?

Der nächste Schritt, den ich dann gegangen bin, war die Erforschung des Begleiters  des Kindes, also des inneren Richters, der kam dann mit dazu. Also Inneres Kind und ‚Innerer Richter‘. Der Innere Richter erscheint ja als Erwachsener. Damit  kam auch der Begriff des Schein-Erwachsenen, und so haben wir jetzt ein inneres Kind und den inneren und äußeren Schein-Erwachsenen. Und wo ist jetzt der tatsächliche Erwachsene? Dann kam als Hilfskonstruktion der Forscher, der Forschergeist. Damit ist es nun möglich, diese geistig-emotionalen Haltungen, die kindliche Haltung und die des inneren Richters, zu erforschen.

Ich habe Menschen in regressive Zustände geführt, sie haben sich also in ihre kindliche Welt eingefühlt und diese auch ausgedrückt. Manche haben sich vollkommen mit dem Kind identifiziert und dramatische Gefühlsausbrüche gehabt, und das habe ich dann zum Anlass genommen, zu unterscheiden, wo jemand sich vollkommen mit einem Kind identifiziert und sich da richtig reinsteigert einerseits, und andererseits, wo sich jemandem ein Zugang zum Inneren auftut, wo jemand einfach etwas fühlt und das mitteilen kann, so dass der Unterschied zwischen (unbewusster) Identifikation und (bewusster) Selbstbeobachtung (Selbsterforschung) deutlich wurde.

Das war dann der Satz, den du uns manchmal sagen ließest, später in dieser Phase: „Ich bin erwachsen und in mir ist ein Kind.“

Ulrike: Ja, später kam dieser Satz. Es gibt ja gar kein Kind mehr. Und eine Heilung des inneren Kindes gibt es schon mal  gar nicht. Ich musste dann auch nochmal zurücktreten von psychologischen Konzepten über das innere Kind und dann ganz klar sagen, es geht gar nicht darum, irgendetwas mit dem Kind zu machen, sondern es geht darum, etwas zu erforschen und etwas zu sehen. Das kam dann ziemlich schnell. Und dann war auch Schluss mit den Kuscheltieren. Das ist interessant, das hat sich ganz natürlich irgendwie ergeben. Ich habe nicht gesagt, bringt sie mit, ich habe auch nicht gesagt, bringt sie nicht mit. Einige haben sie immer noch mitgeschleppt und merkten dann, sie brauchen sie nicht mehr. Sie konnten sich ganz bewusst in diese Kindlichkeit begeben auch ohne Kuscheltier, oder als Erwachsene einfach berichten, was in ihnen vor sich geht. Und das Kuscheltier ist dann nicht mehr nötig.

Gab es denn mal ein freies Kind?

Ulrike: Nein, nicht wirklich. Es gibt unbedarfte Kinder, Kinder, die noch ganz natürlich ihren egoistischen inneren Regungen folgen.

Unschuldig sozusagen?

Ulrike: Unschuldig kann man sagen. Da ist ein unschuldiges Kind, weil dem noch gar nichts anderes einfällt, als seinen Eigenwillen zu leben. Das ist  erstmal einfach instinktiv, wie bei einem kleinen Tier, was zunächst auch als Entdeckerfreude erscheint. Die Entdeckerfreude ist für mich der Moment, wo sich ein Kind unschuldig der Welt zuwendet und sie entdecken, aber auch erobern und in Besitz nehmen möchte und dann begrenzt wird, ganz natürlich. Und mit der Begrenzung dieser ‚Entdeckerfreude‘, also dieses Expansionsdrangs fängt die Konstruktion der kindlichen Abwehr an.

In der Begrenzung?

Ulrike: Durch die Begrenzung, durch die Reaktion auf die Begrenzung. Fixierung ist nichts anderes als wiederholte gleichförmige Reaktion auf die Begrenzung.

Das ist ja ein heftiger Satz. Das heißt, es kommt alles aus dem Ich-Geist.

Ulrike: Es kommt alles aus dem Ich-Geist. Insofern gibt es für mich kein wirklich freies Kind. Es gibt ein unschuldiges Kind, das ist das, was bei Sandra Maitri genannt wird: das ‚Seelenkind‘, das ist ja reines Ego, reiner Überlebenstrieb und Lustprinzip. Reines Lustprinzip. Das ist noch unschuldig.

Hat dieses Seelenkind nicht auch schon sehr unangenehme Züge, z.B. Neid?

Ulrike: Ja, das Lustprinzip ist auch unangenehm, eben rein egoistisch. Der Neid dient ja dem Lustprinzip. Wenn du etwas hast, was ich nicht habe, dann treibt mich der Neid an. Die Idee dahinter ist ja: eigentlich steht es mir zu.

Wie steht die Arbeit mit dem Inneren Kind im Zusammenhang mit der Inneren Arbeit, dieser ‚kleinen Selbsterforschung‘ in der Mysterienschule?

Ulrike: Das Innere Kind ist ja nichts anderes als eine geistige Haltung, mit der ich versuche, Unannehmlichkeiten, die ich als Kind einmal erfahren habe, von mir fernzuhalten. Diese geistigen fixierten Abwehrhaltungen gilt es zu erforschen, also die Angstfixierung, die Zornfixierung  und die Emotionalfixierung. Fixierung ist kindlich, das heißt, auch die Fixierung in den drei Geistesgiften kannst du als kindliche Haltungen erkennen, die allerdings gar nicht  oder nur teilweise bewusst gelebt werden. Und wenn du einer Fixierung vollkommen ins Auge schaust, wenn du das Ganze verstehst, die ganze Dimension und Dynamik deiner eigenen Fixierung wirklich siehst, dann siehst du das aus der Sicht eines Erwachsenen, das wäre die Einsicht, dann musst du das nicht wiederholen, du musst es nicht. Da ist ja auch die Frage, warum wir solange damit zu tun haben.

Warum fällt das vielen so schwer, immer wieder, auch wenn sie schon ganz lange in der spirituellen Schulung sind?

Ulrike: Was ist die Alternative zur Fixierung?

Die vollständige Verantwortung.

Ja, die Verantwortung für das eigene Leiden. Diese vollständige Verantwortung ist der Eintritt in das erwachsene Menschsein.Da, wo ich im Moment stehe, kann ich nur sagen: Ja, dies ist meine innere Welt. Und dann müssen wir vielleicht zugeben: Ich will das noch gar nicht aufgeben. Es ist  nicht möglich, das Ganze über den Verstand, wo du ja einiges einsiehst, gehen zu lassen.

Und welche Rolle spielt dabei die Verurteilung? Wir verstecken das ja.

Ulrike: Wir haben gelernt, erwachsen zu spielen. Für ein Kind ist Spielen das Wichtigste. Jetzt  wird das Spiel aber verdorben, die Erwachsenen spielen irgendwie nicht mit. Jetzt schaue ich auf das Spiel der Erwachsenen. Was spielen die denn? Und das sieht ja auch manchmal ganz gut aus, die haben ja mehr zu sagen als ich. Also will ich da mitspielen. Also steige ich von den Kinderspielen in die Spiele der Erwachsenen ein, der körperlich Erwachsenen. Das hat aber gar nichts zu tun mit irgendeiner Form der spielerischen Lebensführung, sondern das hat zu tun mit einer Verkrampfung. Das heißt der Schein-Erwachsene spielt mehr oder weniger gut die Rolle eines Erwachsenen. Also wechseln wir von der Kinderwelt in die Schein-Erwachsenenwelt. Und natürlich kommt alles noch aus dem gleichen Motiv, wie damals in der Kinderwelt: ich möchte gerne mitspielen, und zwar so,  dass es für mich einen Gewinn gibt, und möglichst den Hauptgewinn. Aber da man ja nicht gierig sein darf, tue ich auch noch bescheiden, und der Hauptgewinn ist dann die Belohnung für Bescheidenheit. Ein gutes Kind sein, ein guter Mensch sein, das verspricht Gewinn.

Der ganze Vorgang verspricht immer wieder eine Befriedigung für das Kind?

Ulrike: Nicht für das Kind, sondern für das Ego. Es gibt ja überhaupt kein Kind mehr. Wenn ein Kind immer gewinnen will, das kann man ihm ja nicht verübeln. Aber dass er das als Erwachsener immer noch möchte, das verrät er sich selber nicht. Der Erwachsene lebt in der verheimlichten Kindlichkeit. Und diese  verheimlichte Kindlichkeit, das ist die innere Ego-Welt,  Fixierung. Da ist ein Ich, das möchte gewinnen.

Muss denn dieses innere Kind, diese Kindlichkeit integriert werden in einen Erwachsenen, oder ist es etwas, was durchschaut werden muss?

Ulrike: Um Kindlichkeit zu integrieren, muss sie durchschaut und eingestanden werden. Die geistigen Aspekte der Kindlichkeit müssen durchschaut werden, dann werden die emotionalen Aspekte, die damit verbunden sind, integriert. Das heißt, ich bin bereit, all das, was ich als Kind nicht fühlen wollte, zu fühlen. Das ist die Integration.

Das klingt so einfach, ich habe das tatsächlich schon mehrmals gehört. Zum ersten Mal kommt es mir aber fühlend näher als sonst.

Ulrike: Ja, es berührt dich. Es gibt in dir noch ganz sensible Punkte, wo ein Kind die Welt nicht versteht, wo ein Kind einfach nicht begreifen kann, dass das Leben so ist, dass man so was zu fühlen kriegt. Und das kannst du im Herzen nachempfinden, dass ein Kind durch wirklich schwierige Phasen geht, und noch nicht die Fähigkeit hat zu durchschauen, und auch noch nicht begleitet wird im Durchschauen, sondern wirklich nur abwehren kann. Dafür brauchen wir erst mal ein Verständnis.

Welche Rolle  spielt denn dabei das Sich-zeigen, sich anderen damit zeigen, einfach darüber zu sprechen?

Ulrike: Das spielt eine große Rolle, denn alles, was ich anderen zeige, zeige ich mir. Was ich anderen nicht zeigen will, das möchte ich vor mir selber auch verheimlichen, oder es wird von mir so behandelt, dass ich es loswerden möchte und glaube, es ist besser, niemandem etwas davon zu sagen, es zu verstecken, dann bin ich es los. Das Sich-zeigen, das gilt eigentlich mir selbst. Und manchmal reicht es auch, einfach nur etwas zu zeigen. Wir müssen gar nicht so viel tun. Wir müssen auch nicht unbedingt alles erklären und nachvollziehen können, aber manchmal ist es nötig, dass wir die Geschichte, die da dran klebt, nochmal erzählen, aber nicht hundertmal. Ich fange in der Arbeit mit dem Inneren Kind damit an, dass jemand erst einmal seine Geschichte erzählt, so wie er sie erinnert. Und in dieser Geschichte ist das Kind immer das Opfer. Nun haben wir ja gelernt: Opfer sind nicht erkenntnisfähig. Das stimmt ja auch. Aber wir müssen erst mal ein Herz haben für das Opfer in uns, denn für dieses Kind erschien es so.

Ist das dann das Eintrittstor in das erwachsene Menschsein, für das Opfer erst mal ein Herz zu haben?

Ulrike: Ja, ein Herz fürs Opfer, ohne sich damit zu identifizieren, das ist ein großer Schritt.

Kann ich auch sagen, dass es ein Teil des Sich-Bemühens auf dem inneren Weg ist, das innere Kind zu fühlen, zu erkennen?

Ulrike: Wir müssen uns darum nicht bemühen. Wir müssen nur bereit sein, zu sehen und zu fühlen.

Was kann mich unterstützen, so eine Einsicht in wirkliches Handeln umzusetzen, um wirkliches Tun daraus folgen zu lassen? Ich kenne das auch: Ich sehe oft etwas ein, das hält dann mal eine Zeit lang, aber irgendwie kann ich es noch nicht ins Leben bringen, dauerhaft.

Ulrike: Ich würde sagen, wir müssen uns eingestehen, dass wir es noch nicht ganz einsehen wollen, dass da nichts zu holen ist. Dass wir z.B. nicht einsehen wollen, dass ich gar keine Macht habe, das wollten wir als Kinder schon nicht wahrhaben.

Ich empfinde gerade diese Beschreibung als wohlwollende Einladung, dem immer wieder begegnen zu wollen, immer wieder in diese Bereitschaft zu kommen und dem zu folgen, sich zu zeigen und das zu erforschen. Selbsterforschung hört sich für mich auch erst mal so an: Erforschung alleine. Ich höre aber jetzt gerade, es geht gar nicht darum, sich selbst alleine zu erforschen, sondern die Unterstützung und das Begleiten von anderen zu nehmen.

Die Einladung, von der gerade gesprochen wurde, die führt ja sehr gut vor Augen, wie dumm das ist, ständig zu kämpfen, alle Menschen als Feinde zu betrachten, statt sie zu nutzen.

Ulrike: Ja, das stimmt, aber erst mal müssen wir uns eingestehen, wie sehr wir darauf fixiert sind, Menschen als Feinde zu betrachten. Ich möchte, dass Menschen das mitteilen, dass ihnen plötzlich klar wird, wie sehr sie Menschen als Feinde betrachten und nicht gleich mit der Einsicht kommen: Da sind gar keine Feinde.

Wie kommt es eigentlich zu diesem Misstrauen und dieser Feindseligkeit?

Ulrike: Diese Fragen zu stellen, das ist der Beginn erwachsenen Menschseins. Und in diesen Fragen begegnest du einem Interesse, das es in der Entdeckerfreude des Kindes einmal gegeben hat.

Es gibt gerade für mich diese Einladung zur Entdeckung der Freude am Forschen. Da ist der Drang, etwas zu entdecken, sehr stark.

Ulrike: Ja, und dieser Drang ist Freude. Dass das möglich ist, dass du die Intelligenz, die Fähigkeit hast, etwas zu sehen, was du als Kind nie sehen konntest. Du konntest das noch nicht, da war die Intelligenz noch nicht da, der Drang war noch nicht da, da war auch noch niemand da, der dir gezeigt hat, wo man da hinschauen muss. Und du entdeckst jetzt ein völlig neues Gebiet, an dem man Freude haben kann. Aber das kostet erst mal ein bisschen Überwindung, sich etwas zuzuwenden, was auf den ersten Blick nicht so erfreulich aussieht. Und das kannst du nur in Liebe zu dir selbst tun. Wir entdecken die Chance, dass wir etwas sehen können, etwas durchschauen können, dass das ein unglaubliches Geschenk ist, dass wir fähig sind zu sehen, zu lernen, zu entdecken, ganz neue Dimensionen zu entdecken.

Fällt das nicht auch zusammen mit der Bereitschaft, wirklich in diesem Moment zu sein? Und bedeutet Freude für diesen Moment, das zu tun, was jetzt gerade zu tun ist?

Ulrike: Ja.

Ich empfinde dies hier als sehr einladend und als sehr wohlwollend, und es tut total gut, einfach zu erleben in dem Gespräch mit dir, dass da ein Gegenüber ist, das sagt, es darf erstmal alles da sein. Und es braucht erst einmal ein Verständnis dafür, dass es so ist, wie es ist, ohne schon einen zweiten Schritt vor dem ersten gehen zu wollen. Genau diese schrittweise Annäherung, die stoppt auch meinen Geist in diesem Streben, gleich ganz hoch hinaus zu wollen und ermutigt mich, einfach diese kleinen Schritte zu gehen und mich anzunähern.

Das Interview führten Birte Kling und Isabell Jahn